E-E-A-T

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Ferenc Collinet

Stell dir vor, du betrittst eine Arztpraxis. Es ist dunkel, das Wartezimmer ist chaotisch, und der Arzt trägt keine Kittel, sondern einen Trainingsanzug. An der Wand hängen keine Diplome, sondern Poster von Actionfilmen. Würdest du dich dort behandeln lassen? Wahrscheinlich nicht. Du würdest dich umdrehen und gehen.

Im Internet passiert genau das Gleiche – nur viel schneller. Innerhalb von Millisekunden entscheiden Nutzer (und Google), ob sie einer Website vertrauen oder nicht.

Hier kommt E-E-A-T ins Spiel. Es ist kein mysteriöser Zauberspruch und auch kein einzelner Schalter, den man im Backend umlegt. Es ist das Qualitätssicherungs-System von Google. Es entscheidet darüber, ob deine Website als vertrauenswürdige Quelle gilt, die auf Seite 1 gehört, oder als riskantes Experiment, das besser auf Seite 10 versteckt bleibt.

In diesem Artikel erklären wir dir, was hinter dem Kürzel E-E-A-T steckt, warum „Trust“ (Vertrauen) der wichtigste Faktor ist und mit welchen konkreten Signalen du deine Expertise für Google und deine Besucher sichtbar machst.

Dies ist ein Teil unserer Serie über SEO-Grundlagen.

Was bedeutet E-E-A-T (kurz & korrekt)?

E-E-A-T steht für Experience (Erfahrung), Expertise (Fachwissen), Authoritativeness (Autorität) und Trustworthiness (Vertrauenswürdigkeit).

Es ist wichtig zu verstehen: E-E-A-T ist kein direkter Rankingfaktor wie die Ladezeit oder das Vorkommen eines Keywords im Titel. Es gibt keinen „E-E-A-T Score“, den Google für deine Seite berechnet. Stattdessen ist es ein Konzept zur Qualitätsbewertung, das Google seinen menschlichen Testern (den sogenannten Quality Ratern) an die Hand gibt. Diese Tester bewerten Tausende von Webseiten, um zu prüfen, ob der Algorithmus gute Ergebnisse liefert.

Wenn deine Seite starke E-E-A-T-Signale sendet, „lernt“ der Algorithmus, dass Inhalte wie deine wertvoll sind. Das ist besonders kritisch bei Themen, die das Leben der Menschen direkt beeinflussen – Gesundheit, Finanzen oder Recht. Google nennt diese Themenbereiche YMYL („Your Money or Your Life“). Hier sind die Anforderungen an E-E-A-T extrem hoch.

Kurz gesagt: E-E-A-T ist der Unterschied zwischen „Irgendjemand hat das ins Netz geschrieben“ und „Ein verifizierter Experte rät dazu“.

Die 4 Bausteine – mit praktischen Beispielen

Lass uns die vier Buchstaben aufschlüsseln, damit du genau weißt, wo du ansetzen musst.

1. Experience (Erfahrung)

Hier geht es um die persönliche, praktische Erfahrung des Autors mit dem Thema. Google möchte wissen: Hat der Verfasser das Produkt wirklich genutzt? War er an dem Ort, den er beschreibt? Hat er das Problem selbst erlebt?

  • Beispiel ohne Experience: Ein Texter schreibt eine Zusammenfassung von Amazon-Bewertungen über einen Laufschuh, ohne ihn je in der Hand gehabt zu haben.
  • Beispiel mit Experience: Ein Marathonläufer schreibt einen Testbericht, zeigt Fotos seiner abgelaufenen Sohlen und beschreibt das Gefühl beim Laufen auf nassem Asphalt.
  • Warum das wichtig ist: KI kann Texte schreiben, aber sie kann keine Erfahrungen machen. Echte Erfahrung ist ein Unterscheidungsmerkmal, das immer wichtiger wird.

2. Expertise (Fachwissen)

Expertise bezieht sich auf das Wissen und die Kompetenz des Autors. Es geht um die fachliche Tiefe.

  • Beispiel ohne Expertise: Ein Hobby-Blogger gibt medizinische Ratschläge zur Behandlung von Diabetes.
  • Beispiel mit Expertise: Ein qualifizierter Ernährungsberater oder Diabetologe schreibt einen Artikel über Blutzucker-Management und zitiert aktuelle Studien.
  • Wichtig: Bei Hobby-Themen (z. B. Fotografie) kann „Alltags-Expertise“ reichen. Bei YMYL-Themen (Finanzen, Medizin) sind formale Qualifikationen oft entscheidend.

3. Authoritativeness (Autorität)

Autorität bedeutet, dass du (oder deine Website) als Go-to-Quelle in deiner Nische anerkannt wirst. Es geht um deinen Ruf. Zitieren dich andere Experten? Wirst du als Referenz genutzt?

  • Beispiel ohne Autorität: Eine ganz neue Website ohne Backlinks behauptet, die beste Marketing-Strategie zu kennen.
  • Beispiel mit Autorität: Ein etabliertes Fachportal, auf das von Wikipedia, großen Zeitungen und Branchenverbänden verlinkt wird.
  • Der Unterschied: Expertise hast du in dir (Wissen). Autorität wird dir von außen zugeschrieben (Anerkennung).

4. Trust (Vertrauen) – Der Kern von allem

In den neuesten Updates der Google Quality Rater Guidelines steht Trust im Zentrum. Die anderen drei Faktoren (Experience, Expertise, Authoritativeness) zahlen alle auf das Vertrauen ein.

  • Ist die Website sicher (HTTPS)?
  • Ist klar, wer für den Inhalt verantwortlich ist?
  • Sind die Informationen akkurat?
  • Gibt es versteckte Kosten oder irreführende Werbung?

Wenn eine Seite keine Expertise zeigt, kann man ihr nicht vertrauen. Wenn der Autor keine Erfahrung hat, ist das Vertrauen gering. Trust ist das Fundament. Ohne Vertrauen kein Ranking – vor allem nicht bei sensiblen Themen.

Konkrete Trust-Signale auf Websites

Genug der Theorie. Wie zeigst du Google und deinen Besuchern konkret, dass deine Seite vertrauenswürdig ist? Wir sehen oft Websites von echten Experten, die aber aussehen wie anonyme Briefkästen. Versteck dich nicht!

Hier sind die wichtigsten Hebel, die du sofort prüfen kannst:

1. Die Autorenbox (Zeig Gesicht!)

„Admin“ oder „Redaktionsteam“ sind keine Autoren, denen man vertraut.

  • Die Lösung: Jeder Artikel sollte einen klaren Autor haben. Füge eine Autorenbox unter oder neben den Artikel.
  • Inhalt: Bild des Autors, Name, kurze Biografie („Ist seit 10 Jahren Steuerberater…“) und idealerweise Links zu LinkedIn oder anderen Profilen.
  • Wirkung: Das verknüpft den Inhalt mit einer realen Person und deren Expertise.

2. Die „Über uns“-Seite

Dies ist oft die am zweithäufigsten besuchte Seite nach der Startseite. Besucher (und Quality Rater) wollen wissen: Wer steckt dahinter?

  • Die Lösung: Erzähle deine Geschichte. Zeige Fotos vom Team und den Büroräumen. Liste Qualifikationen, Zertifikate und Auszeichnungen auf.
  • Wirkung: Es beweist, dass es sich um ein echtes Unternehmen handelt und nicht um eine Fake-Seite.

3. Kontakt und Impressum

Nichts schreit lauter „Unseriös“ als eine Website, auf der man keine Telefonnummer oder Adresse findet.

  • Die Lösung: Mache Kontaktmöglichkeiten (Telefon, E-Mail, Chat) leicht auffindbar – am besten im Footer oder Header. Ein vollständiges, rechtssicheres Impressum ist in Deutschland ohnehin Pflicht, aber auch für SEO ein Trust-Signal.

4. Transparenz bei Finanzierung und Werbung

Wenn du Affiliate-Links nutzt oder gesponserte Inhalte veröffentlichst, kennzeichne diese glasklar.

  • Die Lösung: Ein Hinweis wie „Dieser Artikel enthält Werbelinks“ schafft Vertrauen durch Ehrlichkeit. Verschleierung zerstört es.

5. Quellen und Methodik

Behaupte nicht einfach Dinge. Belege sie.

  • Die Lösung: Wenn du Statistiken nennst, verlinke auf die Originalstudie. Wenn du Produkte testest, erkläre, wie du getestet hast (Testkriterien).
  • Wirkung: Das zeigt wissenschaftliche Sorgfalt und journalistische Qualität.

6. Aktualität (Updates)

Veraltete Inhalte sind ein Vertrauenskiller. Ein Ratgeber zum „Steuerrecht 2018“ hilft heute niemandem mehr.

  • Die Lösung: Überprüfe deine wichtigsten Inhalte regelmäßig. Füge ein Datum hinzu: „Zuletzt aktualisiert am…“.

E-E-A-T bei Content: Checkliste für Redaktionen

Du willst Inhalte erstellen, die vor E-E-A-T nur so strotzen? Nutze diese Checkliste für jeden neuen Artikel:

  1. Autor-Check: Ist der gewählte Autor die bestmögliche Person für dieses Thema? Hat er Experience oder Expertise? Falls nicht: Kannst du einen Experten interviewen und das Interview einarbeiten?
  2. Quellen-Check: Gibt es für jede Tatsachenbehauptung im Text eine seriöse Quelle? Sind diese Quellen verlinkt?
  3. Mehrwert-Check: Bietet der Inhalt etwas Neues? Eigene Daten, eine neue Perspektive oder eigene Erfahrungen? (Wiederkäuen von Top-10-Suchergebnissen reicht nicht für E-E-A-T).
  4. Objektivitäts-Check: Wird das Thema ausgewogen behandelt? Werden Vor- und Nachteile beleuchtet, oder liest es sich wie ein Werbeprospekt?
  5. Sprach-Check: Ist die Sprache dem Thema angemessen? Ein medizinischer Artikel sollte professionell klingen, nicht reißerisch.

Ein Mini-Case aus der Praxis:
Wir haben eine Finanz-Website betreut, die guten Content hatte, aber kaum rankte. Die Artikel waren von „Redaktion“ unterschrieben.
Die Änderung: Wir haben die echten Finanzberater als Autoren eingetragen, ihre LinkedIn-Profile verlinkt und eine detaillierte „Über uns“-Seite mit ihren IHK-Zulassungen erstellt. Zudem haben wir unter jedem Ratgeber Quellenangaben (Gesetzestexte) ergänzt.
Das Ergebnis: Innerhalb von 4 Monaten stiegen die Rankings für kompetitive Keywords deutlich an, und die Conversion-Rate (Anfragen) verdoppelte sich, weil die Besucher den Beratern vertrauten.

Häufige Fehler (und schnelle Fixes)

Selbst Profis tappen oft in E-E-A-T-Fallen. Hier sind die Klassiker und wie du sie vermeidest.

Fehler 1: YMYL-Themen auf die leichte Schulter nehmen
Viele KMUs bloggen über Gesundheitstipps („Was tun bei Rückenschmerzen?“), obwohl sie eigentlich Büromöbel verkaufen.

  • Das Problem: Google stuft das als YMYL (Your Money or Your Life) ein. Ohne medizinische Expertise hast du hier keine Chance und riskierst sogar, deine gesamte Domain-Autorität zu verwässern.
  • Der Fix: Bleib bei deiner Leiste. Schreibe über Ergonomie (deine Expertise), nicht über medizinische Diagnosen. Oder lass den Artikel von einem Arzt prüfen („Medizinisch geprüft von…“).

Fehler 2: Ein Siegel reicht
Manche glauben, ein „TÜV-Siegel“ oder „Trusted Shops Badge“ im Footer löst alle Probleme.

  • Das Problem: Ein Logo ist gut, aber Inhalt ist besser. Wenn der Text darüber voller Fehler und unbelegter Behauptungen ist, rettet dich das Siegel nicht.
  • Der Fix: Sieh Siegel als Kirsche auf der Torte. Der Teig (dein Inhalt und deine Transparenz) muss zuerst stimmen.

Fehler 3: Die tote „Über uns“-Seite
Drei Zeilen generischer Text („Wir sind jung und dynamisch“) schaffen kein Vertrauen.

  • Der Fix: Investiere Zeit in diese Seite. Sie ist dein Bewerbungsgespräch beim Kunden. Zeig Gesichter, Geschichte und Werte.

Fehler 4: Fehlende Kontaktmöglichkeiten
Nur ein Kontaktformular anzubieten, wirkt distanziert und verdächtig.

  • Der Fix: Biete echte Alternativen an. E-Mail-Adresse, Telefonnummer, vielleicht sogar WhatsApp. Zeig, dass du erreichbar bist.

Fazit: Vertrauen ist die Währung der Zukunft

E-E-A-T klingt technisch, ist aber zutiefst menschlich. Es geht darum, im digitalen Raum die gleichen Vertrauenssignale zu senden, die wir aus der analogen Welt kennen: Ein fester Händedruck, ein offenes Gesicht, bewiesene Kompetenz und Ehrlichkeit.

Wenn du SEO nicht als „Manipulation des Algorithmus“, sondern als „Optimierung für Vertrauen“ verstehst, bist du auf dem richtigen Weg. Du baust dann nicht nur Rankings auf, sondern eine Marke, die Bestand hat.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Brauche ich für jeden Artikel einen namentlich genannten Autor?
Nicht zwingend für jeden kleinen News-Schnipsel, aber für tiefgehende Ratgeber und YMYL-Themen: Ja, absolut. Es ist eines der stärksten Signale für Verantwortlichkeit. Wenn es wirklich ein Team-Effort war, stelle sicher, dass die „Redaktion“ auf der Über-uns-Seite mit den beteiligten Experten verknüpft ist.

Zählt Erfahrung (Experience) auch im B2B-Bereich?
Auf jeden Fall. Wenn du Software für Industrieanlagen verkaufst, wollen Ingenieure wissen, dass du die Probleme in der Fertigungshalle aus eigener Anschauung kennst und nicht nur Marketing-Broschüren abtippst. Case Studies (Fallstudien) sind hier der beste Beweis für Experience.

Wie oft muss ich meine Inhalte aktualisieren?
Das hängt vom Thema ab. Ein Artikel über „Geschichte der Römer“ ist Evergreen und muss selten geändert werden. Ein Artikel über „SEO Trends“ oder „Steuerfreibeträge“ muss jährlich oder bei Gesetzesänderungen sofort aktualisiert werden. Veraltete Informationen bei YMYL-Themen sind ein massives negatives E-E-A-T-Signal.

Reicht eine gute „Über uns“-Seite allein aus?
Nein. E-E-A-T muss ganzheitlich sein