Stellen Sie sich vor, Sie haben ein tolles Produkt in Ihrem Online-Shop. Es gibt dasselbe Produkt in Rot, Grün und Blau. Für jede Farbe existiert eine eigene URL, obwohl die Beschreibung fast identisch ist. Welche dieser URLs soll Google nun in den Suchergebnissen anzeigen? Oder schlimmer: Google ist verwirrt, wertet alle drei als minderwertigen „Duplicate Content“ und zeigt keine davon prominent an.
Genau hier kommt der Canonical Tag ins Spiel. Er ist eines der wichtigsten Werkzeuge im technischen SEO, aber auch eines der am häufigsten missverstandenen. Falsch eingesetzt, kann er dazu führen, dass Ihre wichtigsten Seiten unsichtbar werden und die falschen URLs ranken.
Wir erklären Ihnen, was der Canonical Tag wirklich ist, wann Sie ihn brauchen und wie Sie typische Fehler vermeiden, die Ihre Rankings gefährden.
Canonical einfach erklärt (was er tut – und was nicht)
Der Canonical Tag (rel=“canonical“) ist ein kleines Stück HTML-Code, das Sie im <head>-Bereich einer Webseite platzieren. Er sieht so aus:
<link rel="canonical" href="https://www.beispiel.de/bevorzugte-seite/" />
Seine Funktion ist simpel: Er ist ein Hinweis an Suchmaschinen, welche Version einer Seite die „bevorzugte“ (kanonische) ist, wenn es mehrere ähnliche oder identische Varianten gibt. Sie sagen Google damit: „Hey, es gibt zwar mehrere URLs mit diesem Inhalt, aber behandle bitte diese eine hier als das Original. Bündle alle Signale wie Links und Rankings auf dieser Haupt-URL.“
Was der Canonical Tag NICHT ist:
- Kein bindender Befehl: Es ist ein starker Hinweis, aber keine Direktive. Wenn andere Signale (wie interne Links oder eine Sitemap) auf eine andere URL als die kanonische zeigen, kann Google sich entscheiden, Ihren Hinweis zu ignorieren.
- Kein Ersatz für einen Redirect: Ein Canonical Tag ersetzt keine Weiterleitung. Er ist für Seiten gedacht, die gleichzeitig existieren sollen. Ein Redirect leitet Nutzer und Bots permanent von einer alten zu einer neuen URL.
- Kein Löschknopf: Er entfernt keine Seiten aus dem Index. Er bündelt nur die Ranking-Signale.
Stellen Sie sich eine Seite mit einem Tracking-Parameter vor: ihre-seite.de/?utm_source=newsletter. Der Inhalt ist identisch mit ihre-seite.de/. Mit einem Canonical Tag auf die Version ohne Parameter stellen Sie sicher, dass nicht plötzlich die Tracking-URL in den Suchergebnissen auftaucht.
Typische Einsatzfälle (Parameter, Sortierung, Varianten)
Wann brauchen Sie diesen Tag nun konkret? Immer dann, wenn Duplicate Content entsteht oder entstehen könnte. Hier sind die häufigsten Anwendungsfälle:
1. Parameter-URLs:
Das ist der klassische Fall. Tracking-Parameter, Session-IDs oder Filter erzeugen unzählige URL-Varianten mit identischem Inhalt.
beispiel.de/kategorie?sessionid=123beispiel.de/kategorie?sort=price_ascbeispiel.de/kategorie?utm_campaign=sommer
Alle diese URLs sollten einen Canonical Tag haben, der auf die saubere Haupt-URL zeigt: beispiel.de/kategorie. So vermeiden Sie eine Explosion von Parameter-URLs im Index.
2. Sortier- und Filterfunktionen:
In Online-Shops kann der Nutzer oft Listen sortieren (nach Preis, Beliebtheit) oder filtern. Jede dieser Aktionen erzeugt oft eine neue URL. Auch hier sollte die kanonische URL die ungefilterte und unsortierte Kategorieseite sein.
3. Ähnliche Produktvarianten:
Ein T-Shirt gibt es in fünf Farben und drei Größen. Oft hat jede Variante eine eigene URL, aber die Produktbeschreibung ist zu 95 % gleich. Hier können Sie eine Hauptvariante (z.B. das T-Shirt in der beliebtesten Farbe) als kanonische URL definieren und alle anderen Varianten darauf verweisen lassen.
4. Druck- oder AMP-Versionen:
Wenn Sie eine separate, druckfreundliche Version einer Seite (?print=true) oder eine AMP-Version (Accelerated Mobile Pages) haben, sollte diese immer per Canonical auf die Standard-Desktop-Version verweisen.
Ein oft übersehener, aber wichtiger Standard ist der Self-Canonical. Dabei zeigt eine Seite mit einem Canonical Tag auf sich selbst. Das ist eine gute Praxis, um versehentlich entstehende Duplikate (z.B. durch Parameter) von vornherein abzufangen.
Canonical vs. Redirect vs. Noindex (Entscheidungslogik)
Wann nehme ich was? Diese Frage sorgt oft für Verwirrung. Hier ist eine einfache Entscheidungshilfe:
- Nutzen Sie einen 301-Redirect, wenn:
- Eine Seite permanent umgezogen ist. Der alte Inhalt existiert nicht mehr und wurde durch neuen ersetzt.
- Beispiel: Ihr Artikel „Tipps für 2024“ wird zu „Tipps für 2025“ aktualisiert und bekommt eine neue URL. Der alte Artikel wird auf den neuen weitergeleitet.
- Logik: Ablösung. Mehr dazu unter Redirects 301/302.
- Nutzen Sie einen Canonical Tag, wenn:
- Mehrere Varianten einer Seite gleichzeitig existieren müssen und für den Nutzer zugänglich sein sollen.
- Beispiel: Die Produktseite mit Sortierfunktion nach Preis. Der Nutzer soll sortieren können, aber Google soll nur die Hauptseite indexieren.
- Logik: Bündelung.
- Nutzen Sie einen Noindex-Tag, wenn:
- Eine Seite für den Nutzer zugänglich sein soll, aber keinen Wert für die Google-Suche hat und nicht in den Suchergebnissen erscheinen soll.
- Beispiel: Interne Suchergebnisseiten, Admin-Login-Seiten, Warenkorb-Seiten.
- Logik: Ausschluss. Details dazu finden Sie unter Noindex/Nofollow.
Diese drei Werkzeuge schließen sich oft gegenseitig aus. Eine Seite mit einem noindex-Tag sollte keinen Canonical auf eine andere Seite haben. Das sendet widersprüchliche Signale.
Canonical & Pagination: was häufig schiefgeht
Ein besonders gefährliches Pflaster für falsche Canonicals ist die Pagination. Ein weitverbreiteter, aber schädlicher Mythos lautet, man solle alle paginierten Folgeseiten (Seite 2, 3, etc.) auf die erste Seite kanonisieren.
Das Problem dabei:
Wenn /kategorie/page/3/ einen Canonical auf /kategorie/ setzt, sagen Sie Google: „Der Inhalt auf Seite 3 ist irrelevant, ignoriere ihn. Nur Seite 1 zählt.“ Google wird daraufhin wahrscheinlich aufhören, die internen Links auf Seite 3 zu verfolgen. Die Produkte oder Artikel, die dort gelistet sind, werden also schlechter gefunden. Die Discovery leidet massiv.
Die richtige Lösung:
Für paginierte Seiten ist in den meisten Fällen ein selbstreferenzierender Canonical Tag die beste Wahl.
beispiel.de/kategorie/page/2/hat einen Canonical aufbeispiel.de/kategorie/page/2/.beispiel.de/kategorie/page/3/hat einen Canonical aufbeispiel.de/kategorie/page/3/.
So signalisieren Sie, dass jede Seite eine eigenständige Komponente der Serie ist, und stellen sicher, dass alle Inhalte auffindbar bleiben.
Quickcheck: 10 Canonical-Fehler (und wie du sie findest)
Nutzen Sie SEO-Crawler wie Screaming Frog oder Sitebulb, um diese häufigen Fehler aufzuspüren. Ein kurzer Check Ihrer Top-20-URLs in der Google Search Console (URL-Prüftool) kann ebenfalls aufschlussreich sein.
- Canonical auf eine 404-Seite: Der Link verweist ins Leere.
- Canonical auf eine Weiterleitung (Redirect): Erzeugt eine unnötige Kette.
- HTTP vs. HTTPS Mischung: Die kanonische URL nutzt das falsche Protokoll.
- www vs. non-www Mischung: Die Domain-Version ist inkonsistent.
- Trailing Slash Inkonsistenz:
seite/verweist aufseite(oder umgekehrt). - Canonical auf eine falsche Kategorie: Ein Blogartikel zeigt fälschlicherweise auf die Kategorie-Hauptseite.
- Widersprüchliche interne Links: Viele Links zeigen auf Seite A, aber der Canonical auf Seite B.
- Nicht-kanonische URLs in der XML Sitemap: Ihre XML Sitemap sollte nur die bevorzugten URLs enthalten.
- Canonical im
<body>-Tag: Er gehört ausschließlich in den<head>. - Mehrere Canonical Tags auf einer Seite: Es darf nur einen geben.
FAQ: Häufige Fragen zum Canonical Tag
Braucht jede Seite einen Self-Canonical?
Es ist eine sehr gute Praxis. Es schadet nie und schützt präventiv vor vielen Duplicate-Content-Problemen, die durch unvorhergesehene Parameter entstehen können.
Ist der Canonical Tag für Google bindend?
Nein. Es ist ein starker Hinweis, aber Google behält sich das Recht vor, eine andere Seite als kanonisch zu wählen, wenn andere Signale (wie die interne Verlinkung) stärker sind.
Gibt es Cross-Domain-Canonicals?
Ja. Sie können damit signalisieren, dass der Originalinhalt auf einer komplett anderen Domain liegt (z.B. bei Syndizierung von Artikeln). Dies ist jedoch ein fortgeschrittener Anwendungsfall.
Was mache ich bei Filter-URLs im Shop?
Hier wird es komplex. Einfache Filter sollten auf die Hauptkategorie kanonisieren. Bei wichtigen Filterkombinationen, die eine eigene Suchnachfrage haben („rote Laufschuhe für Damen“), kann es sinnvoll sein, eigene Landingpages zu erstellen und die kanonische Behandlung gezielt zu steuern.
Fazit: Das Skalpell für Ihre URL-Struktur
Der Canonical Tag ist kein Vorschlaghammer, sondern ein chirurgisches Instrument. Richtig eingesetzt, hilft er Ihnen, eine saubere, aufgeräumte Seitenstruktur zu schaffen, die Google versteht. Er bündelt Ihre Ranking-Kraft auf den Seiten, die wirklich zählen, und verhindert, dass Ihre Performance durch technische Duplikate verwässert wird.
Nehmen Sie sich die Zeit, Ihre wichtigsten URLs zu prüfen. Oft sind es kleine Fehler in der kanonischen Logik, die eine Seite daran hindern, ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Rankt bei Ihnen die falsche URL oder sind Sie unsicher, ob Ihre Parameter- und Archivseiten korrekt konfiguriert sind?
Wir durchleuchten Ihre Webseite. Mit unserem Canonical- & Duplicate-Audit prüfen wir Ihre 50 wichtigsten URLs, decken widersprüchliche Signale auf und entwickeln eine klare Strategie, damit Ihre Ranking-Power dort ankommt, wo sie hingehört.
