Redirect-Ketten: erkennen & beheben

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Ferenc Collinet

Du hast einen Relaunch hinter dir, URLs optimiert und Weiterleitungen eingerichtet. Technisch scheint alles zu funktionieren: Wer die alte URL aufruft, landet irgendwann auf der neuen. Aber genau dieses „Irgendwann“ ist das Problem.

Im Hintergrund deiner Website passiert oft mehr, als du auf den ersten Blick siehst. Eine Weiterleitung führt zur nächsten, die wiederum zur nächsten führt, bevor der Nutzer endlich am Ziel ankommt. Willkommen in der Welt der Redirect-Ketten.

Für den Nutzer bedeutet das meist nur eine kaum merkliche Verzögerung beim Laden. Für Google ist es jedoch ein Hindernisparcours. Jede zusätzliche Station in dieser Kette kostet wertvolle Crawl-Ressourcen, verwässert Ranking-Signale und erhöht das Risiko technischer Fehler.

In diesem Artikel zeigen wir dir, warum Redirect-Ketten stille Performance-Killer sind, wie du sie systematisch aufdeckst und wie du sie auflöst, damit deine Nutzer und Google wieder auf direktem Weg zum Ziel kommen.

Was ist eine Redirect-Kette?

Bevor wir das Problem lösen, müssen wir es genau verstehen. Eine Redirect-Kette entsteht, wenn zwischen der aufgerufenen URL (Start) und der finalen Ziel-URL (Ende) mehr als eine Weiterleitung liegt.

Stell dir vor, du schickst einen Brief.

  • Idealzustand: Du schreibst die Adresse drauf, der Brief kommt an.
  • Einfache Weiterleitung (1 Hop): Der Empfänger ist umgezogen. Die Post leitet den Brief einmal an die neue Adresse weiter. Das ist okay.
  • Redirect-Kette (Mehrere Hops): Der Empfänger ist umgezogen. Von dort ist er aber schon wieder weitergezogen. Und von der dritten Adresse ist er zur vierten Adresse gezogen. Dein Brief reist durch das halbe Land, bevor er ankommt.

Ein technisches Mini-Beispiel aus der Praxis:
Oft entstehen Ketten historisch über Jahre hinweg.

  1. Ursprung (2015): Deine Seite war unverschlüsselt erreichbar unter http://deine-seite.de/alter-slug.
  2. HTTPS-Umstellung (2017): Weiterleitung auf https://deine-seite.de/alter-slug.
  3. WWW-Zwang (2018): Weiterleitung auf https://www.deine-seite.de/alter-slug.
  4. Relaunch & URL-Optimierung (2020): Weiterleitung auf https://www.deine-seite.de/neuer-slug.

Wenn heute jemand den alten Link von 2015 anklickt, durchläuft er diese Kette:
httphttpswwwneuer Slug.
Das sind drei Hops. Ein direkter Redirect von der Start-URL zur End-URL wäre nur ein Hop gewesen.

Abgrenzung: Kette vs. Loop

Eine Kette hat ein Ende (Statuscode 200). Ein Redirect-Loop (Schleife) hat keines.

  • Kette: A → B → C (Ziel erreicht).
  • Loop: A → B → A → B … (Endlos, Browser bricht mit Fehlermeldung ab).
    Während ein Loop die Seite unaufrufbar macht (Katastrophe), macht eine Kette sie nur langsam und ineffizient (schleichendes Problem).

Warum Ketten schaden (praktisch)

Vielleicht denkst du: „Solange der Nutzer am Ende ankommt, ist doch alles gut.“ Leider nein. Aus SEO-Sicht sind Redirect-Ketten pures Gift für die Gesundheit deiner Website.

1. Verschwendung von Crawl-Budget

Google hat nur begrenzte Zeit für deine Seite. Jeder Sprung in einer Kette wird als einzelner Request gewertet. Bei einer Kette mit 3 Hops muss der Googlebot viermal anfragen (Start + 3 Hops + Ziel), um eine Seite zu sehen. Das frisst dein Crawl Budget rasend schnell auf. Die Folge: Google schafft es nicht mehr, deine neuen oder tief liegenden Inhalte zu crawlen, weil die Zeit für das Verfolgen von Ketten draufgegangen ist.

Redirects (301/302) übertragen Ranking-Power (PageRank) von der alten auf die neue URL. Früher hieß es, bei jedem Hop gehen ca. 10–15 % dieser Power verloren. Google sagt heute zwar, dass 301er keine Power mehr verlieren, aber das Risiko technischer Fehler steigt mit jedem Schritt. Wenn nur ein Glied in der Kette ausfällt (z. B. ein zwischengeschalteter Server antwortet nicht), bricht die gesamte Übertragung zusammen. Backlinks, die auf den Anfang der Kette zeigen, werden wertlos.

3. Ladezeit (Performance)

Jeder Redirect ist ein neuer HTTP-Request an den Server. Das kostet Zeit. Auf mobilen Geräten mit schlechter Verbindung kann eine Kette von 3–4 Weiterleitungen dazu führen, dass der Bildschirm sekundenlang weiß bleibt. Nutzer sind ungeduldig – sie springen ab, bevor sie das Ziel überhaupt sehen.

4. Abbruch durch Bots

Der Googlebot ist geduldig, aber nicht unendlich. Nach etwa 5 Hops bricht er die Verfolgung meist ab. Alles, was danach kommt, existiert für Google nicht. Wenn dein wertvoller Inhalt am Ende einer 6-stufigen Kette liegt, wird er nicht indexiert.

Häufige Ursachen (und wie sie entstehen)

Niemand baut absichtlich Redirect-Ketten. Sie sind das Ergebnis von „historischem Ballast“ und fehlender Übersicht. Meist entstehen sie schleichend, wenn verschiedene Systeme oder Plugins gegeneinander arbeiten.

Die „Zwiebel“ aus Relaunches

Das häufigste Szenario: Du hast deine Seite schon zweimal gerelauncht. Beim ersten Relaunch hast du sauber von A nach B weitergeleitet. Beim zweiten Relaunch hast du von B nach C weitergeleitet. Du hast aber vergessen, die alte Regel (A nach B) anzupassen.
Das Ergebnis: A → B → C.
Richtig wäre gewesen: Die alte Regel ändern in A → C und eine neue Regel B → C erstellen.

Plugin vs. Server

Oft konkurrieren verschiedene Ebenen.

  • Dein Server (htaccess/Nginx) erzwingt http auf https.
  • Dein WordPress-Plugin leitet /blog/ auf /magazin/ weiter.
  • Das Theme leitet /magazin/ auf /magazin-startseite/ weiter.
    Wenn diese Regeln nacheinander greifen, entsteht eine Kette, die du im Backend oft gar nicht siehst, weil jede Instanz nur ihren eigenen kleinen Teil erledigt.

Dies ist eine riesige, oft übersehene Ursache. Deine Redakteure verlinken in neuen Artikeln immer noch auf alte URLs, weil sie „schon immer so hießen“. Oder im Footer ist seit Jahren ein Link zur alten /kontakt.html hartcodiert, die längst auf /kontakt/ weiterleitet.
Solche internen Links zwingen jeden Nutzer und jeden Bot bei jedem Klick in die Weiterleitung.

Fix-Plan in 5 Schritten

Genug der Theorie. Wie wirst du die Ketten los? Das Ziel ist immer die direkte Weiterleitung: Von Start zu Ziel in maximal einem Schritt (1 Hop).

Hier ist dein Fahrplan, um Ordnung ins Chaos zu bringen.

Schritt 1: Das finale Ziel definieren

Bevor du Regeln änderst, musst du wissen, was die eine gültige URL ist. Das klingt banal, ist aber entscheidend.
Prüfe:

  • Hat die Ziel-URL HTTP-Statuscode 200 (OK)?
  • Ist sie die kanonische Version (keine Parameter, Kleinschreibung, Trailing Slash korrekt)?
    Nur auf diese absolut saubere URL darfst du weiterleiten.

Schritt 2: Regeln konsolidieren

Jetzt schaust du dir deine Weiterleitungsregeln an (in der .htaccess-Datei oder deinem Redirect-Plugin).
Suche nach Regeln, die aufeinander aufbauen.

  • Gefunden: Regel 1: A → B; Regel 2: B → C.
  • Maßnahme: Ändere Regel 1 zu: A → C. Behalte Regel 2 (B → C), falls jemand direkt B aufruft.

Du „überspringst“ also die Mittelstationen.

Dies ist Fleißarbeit, aber extrem effektiv. Crawle deine Seite (z. B. mit Screaming Frog) und suche nach internen Links, die einen 301-Statuscode zurückgeben.
Wenn du siehst, dass dein Menü auf /produkte verlinkt, diese Seite aber auf /shop/produkte weiterleitet, ändere den Link im Menü direkt auf /shop/produkte.
Damit eliminierst du die Weiterleitung für interne Besucher komplett. Das entlastet den Server und spart Crawl-Budget.

Schritt 4: Alte Ziele entfernen (Vorsicht!)

Wenn du sicher bist, dass niemand mehr auf URL B zugreift (weder intern noch extern), könntest du die Regel B → C theoretisch löschen. Aber Vorsicht: Oft gibt es noch alte Backlinks oder Lesezeichen auf URL B.
Es ist sicherer und performant genug, die Regel B → C bestehen zu lassen, solange Regel A jetzt direkt auf C zeigt. Wir wollen die Kette verkürzen, nicht die Brücken hinter uns abreißen.

Schritt 5: QA und erneuter Crawl

Nachdem du die Regeln angepasst hast, lass den Crawler erneut laufen.

  • Sind die Ketten verschwunden?
  • Haben sich versehentlich Loops gebildet?
  • Landen alle Redirects auf einer 200er Seite?

Achte besonders auf die URL-Struktur. Oft verstecken sich Ketten in unscheinbaren Dingen wie einem fehlenden Schrägstrich am Ende (Trailing Slash), den das System automatisch anhängt.

Quickcheck & Monitoring

Redirect-Bereinigung ist kein einmaliges Projekt, sondern Hygiene. Nach jedem Update, jedem Relaunch oder jeder Umstrukturierung können neue Ketten entstehen.

Etabliere eine Routine:

  • Stichprobe: Prüfe nach dem Veröffentlichen neuer Inhalte die URLs.
  • Monatlicher Check: Ein kurzer Crawl der Top-100-Seiten reicht oft schon, um systematische Fehler (wie eine kaputte HTTPS-Weiterleitung) zu erkennen.
  • Alerts: Nutze Tools, die dich warnen, wenn wichtige URLs plötzlich nicht mehr mit Status 200 antworten.

Mini-Beispiel für deine Checkliste:
Erstelle dir einen monatlichen „Redirect Report“. Wenn die durchschnittliche Anzahl der Hops größer als 1,1 ist, weißt du: Hier hat sich wieder Müll angesammelt. Zeit für einen Frühjahrsputz.


FAQ: Häufige Fragen zu Redirect-Ketten

Wie viele Hops sind okay?
Das absolute Ideal ist 0 Hops (direkter Aufruf). Wenn eine Weiterleitung nötig ist, dann genau 1 Hop. Alles ab 2 Hops ist eine Kette, die du optimieren solltest. Ab 5 Hops steigt Google oft komplett aus.

Was ist schlimmer: Ein Redirect-Loop oder eine Redirect-Kette?
Ein Loop ist schlimmer, weil die Seite gar nicht mehr erreichbar ist (Totalausfall). Eine Kette ist „nur“ ineffizient und schlecht für SEO, aber die Seite funktioniert prinzipiell noch. Beide müssen behoben werden, aber der Loop hat Priorität 1.

Sollte ich 302-Redirects in Ketten auch beheben?
Ja, unbedingt. Ein 302 in einer Kette von 301ern kann Google komplett verwirren. Google weiß dann nicht: „Ist das Ziel jetzt dauerhaft oder temporär?“ Vereinheitliche alles auf saubere 301-Weiterleitungen (sofern der Umzug dauerhaft ist).


Fazit: Mach den Weg frei

Redirect-Ketten sind wie Stau auf der Autobahn. Niemand mag ihn, er kostet Zeit und Nerven. Indem du diese Ketten auflöst, sorgst du für freie Fahrt. Deine Nutzer kommen schneller an ihre Informationen, und Google kann deine Website effizienter und tiefer crawlen.

Es ist eine der dankbarsten Aufgaben im technischen SEO: Der Aufwand ist meist überschaubar, aber der positive Effekt auf die Crawl-Effizienz und die Stabilität deiner Rankings ist sofort messbar.

Hast du das Gefühl, dass sich über die Jahre in deinem System einiges an „Redirect-Spaghetti“ angesammelt hat?